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Fachtag "Minijob" am 26.11.15: FRAU&BERUF setzt sich kritisch mit den 450-Euro-Jobs auseinander

Am 25. November 2015 hat das Netzwerk der Beratungsregionen von "FRAU&BERUF" in Kiel eine Fachtagung mit dem Titel „Risiko Minijob“ durchgeführt und sich mit der Situation und den Auswirkungen von geringfügiger Beschäftigung auseinandergesetzt.

Teilgenommen haben Akteure, die unterschiedliche Förderangebote im ESF-Arbeitsmarktprogramms repräsentieren: Beratungsstellen FRAU&BERUF, die Fachkräfteberaterinnen und Fachkräfteberater und die Modellprojekte zur Integration Langzeitarbeitsloser sowie die relevanten regionalen Vertreterinnen und Vertreter von Kammern, Verbänden, Jobcentern, Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Die Veranstaltung knüpfte an den Weiterbildungstag an, den die Beratungsnetzwerke zur Fachkräftesicherung und Weiterbildung am 13. November 2015 in Neumünster unter starker Beteiligung von FRAU&BERUF durchgeführt haben.

Dieses Prinzip der Kooperation wollen wir weiter pflegen, um unsere Beratungskompetenz noch bekannter zu machen.

Das Ziel dieser und der folgenden Veranstaltungen zu diesem Thema ist, die multiplen Problemlagen, die mit der Ausübung eines Minijobs verbunden sind, in der öffentlichen Wahrnehmung noch bekannter zu machen und für die Umwandlung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu werben.

Kulisse Minijobs
Minijobs sind nach der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung die am weitesten verbreitete  „atypische“  Beschäftigungsform bundesweit.

In Schleswig-Holstein sind aktuell (März 2015) 172.683 Menschen ausschließlich geringfügig beschäftigt, der Frauenanteil liegt bei 62% (66.004 Männer und 106.679 Frauen). Seit Juni 2014 geht die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten zwar langsam wieder zurück, das Niveau bleibt allerdings weiter sehr hoch: auf rund fünf sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse kommt in Schleswig-Holstein ein ausschließlich geringfügiges Beschäftigungsverhältnis. Auch vor dem Hintergrund des künftigen Fachkräftebedarfs ist es notwendig, die Potentiale der ausschließlich in Minijobs Beschäftigten stärker zu nutzen.

Denn geringfügig Beschäftigte sind überwiegend gut qualifiziert:

Diagramm zum Fachtag "Minijob"

In einer neuen Studie zur Analyse der Qualifikationsprofile von ausschließlich geringfügig entlohnten Beschäftigten aus November 2015 fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund unter anderem gezielte Förderung für Minijobber durch eine Qualifizierungsoffensive.

Es bleibt also noch einiges zu tun – hierzu gehört auch, die langfristigen Wirkungen der geringfügigen Beschäftigung sichtbar zu machen.

Ein Minijob hat viele Gesichter: kurzfristig scheinbar attraktiv, in bestimmten Lebensphasen wie Studium oder Rente optimal, flexibel und scheinbar gut mit Familienarbeit zu vereinbaren. Die sozialversicherungs- und steuerrechtlichen Begünstigungen und die damit verbundenen finanziellen Vorteile können gerade bei Berufsrückkehrerinnen zu einem sogenannten „Klebeeffekt“ im Minijob führen.  Die erhoffte Brückenfunktion in reguläre Beschäftigung gelingt noch zu selten.Allein mit einem Minijob kann weder ein eigenes existenzsicherndes Einkommen erzielt werden, noch können ausreichende Rentenansprüche aufgebaut werden.

Viele Minijobberinnen stecken in einer Niedriglohnfalle, die zu Altersarmut führt. Erfreulich ist allerdings, dass die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zumindest dafür gesorgt hat, dass auch Minijobber nun nicht mehr zu unangemessen niedrigen Stundenlöhnen arbeiten müssen.

Im Übrigen empfiehlt auch der Rat der Europäischen Union Deutschland, die fiskalische Behandlung von Minijobs zu überprüfen, um den Übergang in andere Beschäftigungsformen zu erleichtern.

Wichtig ist aber auch, dass die betroffenen Minijobber über die negativen Auswirkungen informiert sind und Unterstützung auf dem Weg in den sozialversicherten Arbeitsmarkt erhalten. Ein wichtiger Beitrag hierzu war unsere Veranstaltung vom 25. November 2015 und die sich daraus entwickelnden Initiativen auf regionaler Ebene in diesem Jahr.

Grundlegende Arbeitnehmerrechte sind gefährdet
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das BMAS haben Ende 2015 eine IAB-Studie über das Wissen um die grundlegenden Arbeitnehmerrechte und ihre tatsächliche Durchsetzung vorgestellt. Die Studie zeigt, dass es im Sinne guter Arbeit auch noch einen großen Aufklärungs- und Sensibilisierungsbedarf  beider Seiten – Beschäftigter wie Arbeitgeber – im Bereich der Arbeitnehmerrechte gibt. Zentrale Erkenntnisse sind:

  • Arbeitnehmerrechte werden vor allem in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen vorenthalten
  • Das Recht auf bezahlten Urlaub wurde einem Drittel der geringfügig Beschäftigten vorenthalten, Lohnfortzahlung bei Krankheit knapp der Hälfte der Minijobber
  • 15 % der unbefristet geringfügig Beschäftigten haben keinen schriftlichen Arbeitsvertrag und sind auch nicht über die wesentlichen Arbeitsbedingungen informiert.

Hieran muss sich etwas ändern. Jedem muss klar sein, dass Minijobber dieselben Arbeitnehmerrechte haben wie alle anderen Beschäftigten und diese müssen ihnen auch tatsächlich gewährt werden.

Der landesweite Fachtag „Risiko Minijob“ bildete den Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen und Initiativen, die im Jahr 2016 vor Ort mit unseren Partnerinnen und Partnern für die Fallstricke von Minijobs sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen sollen.  In einem Jahr wollen wir Bilanz ziehen.

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